Hände weg vom Steuer: Wir lassen uns vom BMW i5 nach Salzburg fahren


Kennen Sie die Szene aus dem Film „Fight Club“, in der Brad Pitt und Edward Norton quasi als Mutprobe auf dem Highway einfach die Hände vom Lenkrad nehmen und das Auto sich selbst überlassen?
So ähnlich fühlt es sich auch bei mir an. Ich sitze seit circa einer halben Stunde hinter dem Steuer des neuen BMW i5 und hatte in der Zeit keinen einzigen physischen Kontakt mit dem Lenkrad oder den Pedalen des Fahrzeugs. Denn BMW bietet seit knapp über einem Jahr etwas an, das bisher noch kein Fahrzeug konnte: autonomes Fahren auf der Autobahn bei Tempo 130 – und zwar ohne, dass man alle paar Sekunden mit den Händen das Lenkrad berühren muss.
Wie zuverlässig das wirklich funktioniert? Wir wollen es bei einer kleinen Ausfahrt auf der A8 Richtung Salzburg ausprobieren. Unser Ziel: Von der Autobahnauffahrt in München bis zur Autobahnabfahrt in Salzburg versuche ich, das Steuer kein einziges Mal zu berühren – und völlig stressfrei und entspannt in Österreich anzukommen.
Testfahrt im BMW i5: Wir zügeln uns heute selbst
Natürlich könnte man, und das sei hier nur am Rande erwähnt, mit dem BMW i5 M60 rein theoretisch auch sehr unentspannt unterwegs sein, wenn man will. Die beiden Elektromotoren vorne und hinten generieren eine Systemleistung von 601 PS bei einem Drehmoment von 795 Newtonmeter. Betätigt man den sogenannten Boost über das linke Paddle am Lenkrad, stehen einem für zehn Sekunden sogar 820 Newtonmeter zur Verfügung.
Damit schafft der Stromer eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,8 Sekunden bei einer für ein rein elektrisch angetriebenes Fahrzeug beachtlichen Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h. Doch darum soll es bei diesem Test ausnahmsweise mal nicht gehen.

Noch in München beim Losfahren in der Innenstadt aktivierte ich den sogenannten „Assisted Driving“-Modus. Damit bremst und beschleunigt das Fahrzeug selbstständig, ohne dass ich die Pedale berühren muss. Nur das Abbiegen und Spurwechseln erledige ich noch per Hand.
Das ändert sich, sobald wir mit dem Fahrzeug die Autobahn erreichen. Im Display erscheint das Zeichen „Assisted Plus Ready“, und sobald ich das System aktiviert habe, kann ich die Hände vollständig vom Lenkrad nehmen. Ich stelle den Tempomat auf 130 km/h, und wie von Zauberhand lenkt der Wagen nach links oder rechts, um die Spur zu halten. Auch wenn vor mir jemand abbremst, wird der Wagen von selbst langsamer – und gibt anschließend, sobald die Fahrbahn wieder frei ist, auch wieder Gas.
Richtig spannend wird es, als vor mir ein Sattelschlepper deutlich langsamer fährt. Auf dem Display hinter dem Lenkrad erscheint die Meldung: „Um auf schnellere Spur zu wechseln, Verkehr prüfen.“ Jetzt kann ich dem Computer durch das Betätigen des Blinkers quasi die Erlaubnis zum Überholen geben, oder – noch einen Tick eleganter – ich fokussiere für ein paar Sekunden den linken Außenspiegel. Denn eine Kamera im Inneren erkennt, wohin meine Augen gerichtet sind. Und tatsächlich: Eine oder zwei Sekunden später leitet das Fahrzeug selbstständig den Überholvorgang ein.
Testfahrt im BMW i5: Autonomes Fahren Level 2+
Der Fachmann spricht hierbei von autonomem Fahren Level 2+. Für alle, die sich mit dem Thema nicht auskennen: Im Moment bieten nur eine Handvoll von BMW-Fahrzeugen sowie der Ford Mustang Mach-E diese Form des teilautonomen Fahrens bei einer Geschwindigkeit von 130 km/h an. Andere Hersteller wie Tesla, VW oder Mercedes können das zwar auch, bei ihnen muss man aber immer spätestens alle 30 Sekunden mit der Hand das Lenkrad berühren.

Allerdings, und das ist der Haken, bleibe ich stets in der Verantwortung. Eine Kamera im Inneren des Fahrzeugs kontrolliert permanent, ob ich auch weiterhin auf die Straße und den Verkehr achte. Sobald ich nämlich versuche, auf meinem Handy E-Mails zu lesen, oder im Gespräch mit meinem Beifahrer den Kopf zu lange nach rechts gedreht lasse, werde ich mit der Ansage „Blickabwendung erfasst. Aufmerksam bleiben“ von der Maschine darum gebeten, meine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße zu richten.
Das passiert dummerweise leider auch, wenn ich meine Sonnenbrille aufsetze. Laut Aussagen von BMW sollte das System bei den meisten Sonnenbrillen zwar funktionieren, meiner Ray-Ban „Aviator“ scheint aber die Infrarotkamera nicht gewachsen zu sein. Aber auch Baustellen oder andere die Fahrbahn einschränkende Maßnahmen können das System beeinträchtigen. Kurz vor dem Chiemsee schaltet sich das System dann auch tatsächlich mit dem Hinweis „In Baustellen nicht verfügbar“ plötzlich von der einen auf die andere Sekunde automatisch ab, und ich muss wieder das Steuer übernehmen.
“Allerdings, und das ist der Haken, bleibe ich stets in der Verantwortung
Noch eine Stufe weiter gehen Fahrzeuge wie die 7er-Reihe von BMW und die Mercedes S-Klasse sowie deren vollelektrisches Pendant, der EQS. Beim sogenannten Level-3-Fahren gibt der Fahrer offiziell die Verantwortung ab, und das Fahrzeug übernimmt die Kontrolle. Zumindest so weit, dass der Fahrer sich anderen Tätigkeiten zuwenden kann.
Auch diese Technologie ist bereits auf unseren Straßen unterwegs, allerdings bisher nur bis zu einer Geschwindigkeit von 60 km/h. Mercedes will dies zwar Anfang nächsten Jahres auf 95 km/h erhöhen, trotzdem dürfte für die meisten Fahrer die Geschwindigkeit noch zu niedrig sein, um sie wirklich als Alternative zum Selbstfahren auf deutschen Autobahnen zu nutzen.
Tempo 130 dagegen ist meiner Meinung nach eine gute Reisegeschwindigkeit. Und so komme ich total entspannt und ohne das Lenkrad großartig berührt zu haben (wenn man einmal von den drei oder vier Baustellen auf dem Weg absieht) in Salzburg an. Oder sagen wir: Ich komme fast in Salzburg an. An der Grenze zu Österreich schaltet sich das System mit den Worten „Fahrerassistenz in dieser Region geändert“ einfach ab. Zugelassen ist der Autobahnassistent nämlich bisher nur in Deutschland und in den USA. Auf den restlichen zehn Kilometern auf der österreichischen Seite der Autobahn muss ich also leider selbst Hand anlegen.

Testahrt im BMW i5: Fahren und Gefahren werden
Trotzdem kann man festhalten: Mit dem neuen Autobahnassistenten bietet BMW ein neues Level in Sachen autonomem Fahren. Und obwohl ich bis dato dieser Technologie eher skeptisch gegenüberstand, habe ich die Fahrt nach Salzburg genossen. BMW steht für mich ab sofort nicht mehr nur für Freude am Fahren, sondern auch für Freude am Gefahrenwerden.
Noch einen Schritt weiter gehen übrigens Google und General Motors: Beide Unternehmen erproben in den USA seit ein paar Jahren sogenannte Robotaxis – das sind Fahrzeuge, die sich komplett autonom, ohne menschlichen Fahrer, fortbewegen und ihre Fahrgäste von A nach B bringen. Das hat aber dann wirklich nichts mehr mit Autofahren zu tun.

BMW i5 M60 xDrive
Geschwindigkeit: 230 km/h
Leistung: 601 PS
Drehmoment: 795 NM
0–100 km/h: 3,8 sekunden
Reichweite (WLTP): 516 KM
Gewicht (EU): 2380 KG
Grundpreis: 99.500 Euro